"Ein LKW voll Beweisfotos"

Urfeld: Rentner beklagt Vandalismus und Ruhestörung

Von Montserrat Manke

Urfeld. Das erste was mir auffällt, ist dieser intensive Duft nach Rosen. Das kennt man ja gar nicht mehr. Doch bei Alfred Wedmann, vielleicht Deutschlands berühmtesten Rentner, ist der ganze Vorgarten mit Rosen übersäht. Und die riechen ungemein gut. Aber auch die Königin der Blume kann nicht darüber hinweg täuschen, dass hier etwas nicht stimmt. Denn beim Blick auf die verklinkerte Fassade des Hauses entgeht dem aufmerksamen Betrachter nicht, dass diese mit Resten von roher Eimasse zugekleistert ist. 

Alfred Wedmann hat es im Laufe der letzten Jahre zu nationaler Berühmtheit gebracht. RTL, VOX, der WDR, die Printmedien, sie alle waren da - auch der Werbekurier. Der Grund ist ein jahrzehnterlanger Streit um den gegenüber liegenden Sportplatz. Die Fußballer dort müssen mittlerweile strenge Auflagen erfüllen, dürfen nur zu bestimmten Zeiten spielen und es wurde sogar ein riesiger Zaun auf Kosten der Stadt auf der Seite zu Wedmanns Haus installiert, wegen der fliegenden Bälle.

Bis zum Oberverwaltungsgericht in Münster hat sich der heute 84-Jährige geklagt, um seine Ruhe zu haben. Und da sich Wedmann medienwirksam aufregen kann, findet man ihn heute mit den richtigen Stichwörtern bei Youtube. Fast 850 000 Klicks verzeichnet zum Beispiel ein "Ausraster" von nicht ganz einer Minute Länge.

Auch mein Redaktionsbesuch gestaltet sich schwierig, aber das ist ein anderes Thema. Wedmann hatte angerufen, weil er sich erneut drangsaliert fühlt: Ich soll kommen, und mich selbst davon überzeugen, dass man ihn nicht in Ruhe lasse.

Vor Ort zeigt mir der erstaunlich rüstige Rentner all die Ungemach, die ihm ständig wiederfahre: Es beginnt an der Haustüre, hier ist der Briefkasten aufgebrochen, im Sicherheitsglas prangt ein stumpfes Loch, so als hätte jemand einen schweren Ziegel darauf geworfen und die Fußmatte hat einen großen Brandfleck:  "Hier haben sie Feuer gelegt, ich habe es mit meinen Füßen ausgetreten", sagt Wedmann und macht die Geste noch mal eindrucksvoll nach.

Wir gehen nach rechts, und er zeigt mir die angeblich mit Caramba tot gespritzen Bäume. Wedmann ist Gärtner, er deutet auf einen Busch, aus dem er einen Bison geschnitten habe - davon ist aber nichts mehr zu sehen: "Das haben die mir alles kaputt gemacht". Weiter geht es, um das Haus herum, und der alte Mann berichtet von Blumenkübeln, die runter geworfen seien, sehen kann ich keine. Er habe sie schon weg geräumt.

Wir gehen durch ein Törchen in den Garten, der sich mit einem auf Kante geschnittenem englischen Rasen und vielen Blumen präsentiert. Wedmann weist auf einen abgebrochenen Baum hin, und auch das sei das Werk der Fremden gewesen, die in der Nacht durch ein Loch im rückwärtigen Zaun gekrochen seien.

In einer Ecke des Gartens steht ein Kuriosum, das man schon fast für Kunst halten könnte: Zusammen gebundene Stangen, an die Alfred Wedmann Fußbälle aufgehängt hat. Das seien alles Bälle, die vom Sportplatz herüber geflogen seien. Trotz Zaun. Überhaupt der Zaun: Da blieben die Vögel drin hängen und würden elendig krepieren: "Die Stadt Wesseling ist ein Mörder, schreiben Sie das", wettert der Rentner lautstark und fasst sich ans Herz.

Auf dem Rückweg begegnen wir der Mieterin, die hier seit etwa einem Jahr wohnt. Sie bestätigt die nächtlichen Krawalle, die umgeworfenen Blumenkübel vor ihrem Haus und sie sagt, dass noch vor ein paar Wochen nachts Feuerwerkskörper in den Garten geflogen seien, und dort lautstark explodiert wären.

Dem 84-Jährigen jedenfalls reicht es - er will vor das "Europagericht" ziehen, mit einem "LKW voll Beweisfotos". Darunter auch die, die er von all den Autos gemacht habe, die wiederrechtlich in der Anliegerstraße parken würden. Denn auch das hat Wedmann bei der Stadt erreicht: Damit der Verkehr nach den Veranstaltungen nicht bei ihm vor der Haustüre vorbeifährt.

Wer für all die Querelen verantwortlich ist, dass lässt sich natürlich nicht sagen. Denn bei dem Berühmtheitsgrad, den Alfred Wedmann erreicht hat, ist es durchaus denkbar, dass sich Jugendliche aus ganz Wesseling mittlerweile einen "Spaß" daraus machen, den alten Mann zu drangsalieren. So nach dem Motto "komm, lass uns den Wedmann mal wieder ärgern". Denn er ärgert sich - und das völlig zu Recht.

Wir sind wieder vor dem Haus angelangt, und ich verabschiede mich von Alfred Wedmann. Er pflückt zwei Rosenköpfe ab, sagt: "Schauen Sie, meine Rosen, alles geht kaputt". Tatsächlich kann ich "nur" etwas Rosenrost entdecken.

Er drückt mir die rosa Blumen in die Hand, sagt, ich soll sie ins Auto legen. Sie würden mindestens zwei Wochen duften. Als ich abfahre, sehe ich im Rückspiegel, wie der alte Mann vor seinem Haus steht, die Hände vor das Gesicht schlägt und in lautes Schluchzen ausbricht. Währenddessen verbreiten die Blumen einen betörenden Duft in meinem kleinen Auto. Ich bin auch traurig. Es könnte alles ganz anders laufen, hier, in dieser kleinen Anliegerstraße in Urfeld.

Letzte Änderung: Mittwoch, 17.08.2011 11:27 Uhr

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